teil 2 Demas an Paulus

Dieses fast schon Menschen ähnliche Gottesbild finden wir immer wieder in der Bibel. Wir haben uns im Verlauf der Jahre an die ungerechten Grausamkeiten der biblischen Berichte gewöhnt und sind kaum mehr in der Lage, sie kritisch und objektiv zu beurteilen. Nehmen wir z. B. auch mal Achan: es war sicherlich ein unfaires und Gemeinschaft schädigendes Verhalten, dass er sich nicht an eine von allen akzeptierte und befolgte Vereinbarung gehalten hat, indem er fremdes Eigentum stahl. Aber war es deshalb gerechtfertigt, über ihn die Todesstrafe zu verhängen? Und warum sollten denn mit ihm auch seine völlig unschuldigen Söhne und Töchter gesteinigt und verbrannt werden, zumal Gott doch an anderer Stelle versprach, dass die Kinder nicht wegen der Sünden der Eltern zur Verantwortung gezogen werden sollen (4. Mose 14, 31 / Hes. 18, 20) Und welchen Sinn hatte denn außerdem noch die Tötung seines unbeteiligten Rind- und Kleinviehs? War's nicht eine völlig unsinnige und gar schon barbarische Aggression? Und warum mussten um seinetwillen unschuldige Männer sterben beim Versuch, die Stadt Ai zu erobern, wo sie doch gar nichts wissen konnten von Achans Sünde, sondern voller Zuversicht und Vertrauen waren in Gottes Verheißung? Warum mussten die Bewohner Kanaans überhaupt vertrieben und ermordet werden? Hatten sie durch ihre selbstbestimmte Lebensgestaltung ihr Recht auf Leben verwirkt? Warum hatten die Israeliten nicht die Freiheit, sich mit den Kanaanitern auf eine friedliche Koexistenz zu einigen? Kann man aus all diesen zweifelnden Fragen nicht schließen, dass die Menschen damals sehr grausam und kriegslüstern waren und ihre menschenfeindlichen Ansichten auf Gott übertrugen? Musste Abraham wirklich Gott erst dadurch seine Loyalität beweisen, dass er seinen Sohn schlachten und verbrennen sollte? Was für ein barbarischer Gott soll das sein! Ist es nicht eine Zumutung für einen vernünftigen, zivilisierten Menschen, ein solches Gottesbild anzunehmen? Könnte man da nicht genauso gut auch an Wotan glauben, den germanischen Kriegsgott, der dem biblischen Gott JHWH an Grausamkeit in nichts nachsteht?

 

Wer glaubt wird selig

Du wirst nun zu mir sagen: Wer nicht an das Evangelium glaubt, der ist nur zu bedauern, denn Gott meint es ja nur gut mit uns! Ja, das glaube ich auch: Gott will nur unser Bestes! Deshalb ist es doch eher unwahrscheinlich, dass Gott den meisten Menschen den Zugang zum Glück so sehr erschweren wird durch die Forderung des Glaubens an ein in mancherlei Hinsicht unglaubwürdiges Buch. Wozu überhaupt der Glaube, wenn eindeutige Erklärungen und Belege viel mehr bewirken würden? Und selbst wenn die Schrift wirklich wahr wäre und Gottes Wort, an das ich glaube, heißt das noch lange nicht, dass ich mit Gottes Plan einverstanden sein muss. In diesem Fall muss mir Gott doch die Möglichkeit geben, mich gegen seine Absichten zu entscheiden, wenn sie mir unvernünftig vorkommen, ohne dass ich wegen meiner bewussten Ablehnung gleich zu ewiger Verdammnis verurteilt werde. Wie anders wollte Gott sonst aufrichtiges Lob empfangen von all seinen Geschöpfen, wenn dieses Lob nicht aus eigener Überzeugung kommt, sondern erzwungen wurde? Manche Brüder behaupten ja sogar, dass Gottes Werke nicht um seiner Güte willen gut und lobenswert seien, sondern schon allein aufgrund seines Willens. Aber warum soll man ihn für seine Werke loben, wenn er bei entgegengesetztem Tun genauso lobenswürdig wäre? Ist dies nicht vielmehr der Ruhm eines Tyrannen, wenn das Belieben des Mächtigen als solches schon gerecht ist?

Warum will Gott denn überhaupt ewiges Lob und Anerkennung von all seiner Kreatur? Wenn ein Mensch so sehr auf Lob und Anerkennung von seinen Mitmenschen erpicht ist, vermuten wir, dass er unter Minderwertigkeitskomplexen leidet und deshalb um die Gunst seiner Mitmenschen buhlt. Auch wenn ein Ehemann ständig eifersüchtig ist und immer wieder Liebesbeweise von seiner Frau einfordert, dann würden wir eine seelische Störung vermuten, die das Eheleben auf die Dauer zerstört. Oder wenn speziell ein Herrscher sein Volk stets bespitzelt und jede noch so geringste Untreue hart bestrafen lässt, dann tut er das deshalb, weil er seinem Volk misstraut und Angst hat, das ihm die Macht aus seiner Hand entgleitet. All diese Verhaltensmerkmale sind aber eines wahren Gottes unwürdig, weil sie ihn auf das Niveau eines unsicheren und verängstigten Menschen degradieren. Leider deuten die biblischen Erzählungen immer wieder auf solch einen eifersüchtigen, nachtragenden und beleidigten Gott hin, der ständig unserer Anerkennung bedarf. Die Schreiber der Heiligen Schrift haben uns ein Gottesbild gemalt, das Gott als einen eitlen, launenhaften und rachsüchtigen Despoten darstellt. Je mehr man sich auch bemüht, ihn als gerecht hinzustellen, beweist doch alles was man von ihm sagt nur seine Ungerechtigkeit, seine tyrannischen Launen, seine oft grausamen .Eigenwilligkeiten, seine unheilvolle Intoleranz gegen den größten Teil der Menschen. Wir lesen stets von einem „weisen Gott“, der sich wie ein Unsinniger gebärdet, der sein eigenes Werk zerstört, um es wiederherzustellen, der das bereut, was er getan hat, der so handelt, als habe er nichts vorausgesehen, der gezwungen ist, all das zuzulassen, was seine Allmacht doch hätte verhindern können.

Den heidnischen Völkern wurde ein Gott gepredigt, der sich so sehr erzürnte über seine ersten Geschöpfe, weil sie von einer Frucht gegessen hatten, dass er sie und all ihre Nachkommenschaft zum Leiden verurteilte, dann aber, als eben diese Nachkommen Seinen eigenen Sohn tötete, darüber so erfreut war, dass Er allen vergab. Hinzu kommt noch, dass der Gott, welcher Nachsicht und Vergebung jeder Schuld, bis hin zur Feindesliebe vorschreibt, keine übt, sondern vielmehr in das Gegenteil verfällt. Den durchaus verständlichen Unglauben und die Ablehnung der meisten Menschen gegen einen solch menschlichen „Gott“ kann Gott angeblich nicht akzeptieren, sondern lässt durch seine Anhänger Rache als sog. „Wohlkunde“ verkünden. Ein in seinem Stolz gekränkter Gott möchte sich rächen an seinen Kritikern und möchte die belohnen, die ihm blind und leichtgläubig vertraut haben und um seinetwillen auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichtet haben, nur um ihm ihre Treue zu beweisen. Dies alles sind abergläubige Wahnvorstellungen, die den wahren Gott nicht ehren, sondern verunglimpfen, denn solche niederen Gemütsbewegungen sind eines Gottes nicht würdig. Doch selbst wenn die Bibel die Menschen wirklich glücklicher macht - dann dürfte Gott die Ungläubigen doch nicht auch noch bestrafen, sondern müsste sie trösten und entschädigen dafür, dass sie auf Erden nichts von dem Glück der Erlösten erleben durften, sondern wegen ihrer unverschuldeten Unfähigkeit zum Glauben ihr Leben lang sich mit den niederen und vergänglichen Freuden der Welt begnügen mussten. Hingegen müssten die Gläubigen dafür bestraft werden, dass sie Gott zugetraut hatten, dass er den Großteil seiner Schöpfung wie ein bösartiger Tyrann für immer und ewig zur schrecklichen Verlorenheit und Gottesferne verdammt im qualvollen Feuer der Hölle. Dabei hatten die allermeisten noch nicht einmal Gelegenheit, sich mit dem Evangelium auseinanderzusetzen, weil es ihnen noch nicht einmal verkündet wurde. Stattdessen sind sie in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen mit einer ganz anderen Religion, deren Lehre im eklatanten Widerspruch zur Lehre der Schrift steht. Sollen diese nun dafür bestraft werden, dass sie die Religion ihrer Väter nicht als Betrug durchschaut haben und dass sie durch die Natur und ihr Gewissen nicht zur Erkenntnis Christi Jesu gelangt sind? Ich frage mich nur, ob Du auch dann heute Christ wärest, wenn Du im fernen China geboren worden wärest.

 

Warum wir glauben

Hast Du Dich eigentlich schon einmal gefragt, was aus Dir geworden wäre, wenn Du in Deiner Kindheit nie von Gott gehört hättest? Ein Philosoph hat einmal gesagt: „Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man einen erfinden!“ In Deinen Ohren mag das wie Spott klingen, aber ist Dir denn nie aufgefallen, dass der Glaube an Gott auch Ausdruck eines seelischen Bedürfnisses ist? Gott ist der Ausdruck des menschlichen Wunsches, in das Leben Sinn hineinzutragen. Nicht etwa dass das Leben ohne Gott an sich schon sinnlos wäre. Würden denn die Menschen auch dann noch aus ihrer Natur heraus an Gott glauben, wenn ihr Leben natürlicherweise ewig wäre? Vielmehr ist es also der Tod, der den Menschen sinnlos erscheint, weshalb sie durch Gott an ein ewiges Leben glauben wollen. Doch der Mensch glaubt nicht an die Unsterblichkeit, weil er an Gott glaubt, sondern er glaubt an Gott, weil er an die Unsterblichkeit glaubt, weil er ohne den Gottesglauben den Unsterblichkeitsglauben nicht begründen kann. Wir können also sagen, dass unser Glaube zu einem ganz wesentlichen Teil in unserem Seelenleben verankert ist, das insbesondere durch unsere Kindheitserlebnisse geprägt wird. Die Liebe und Treue unserer Eltern nahmen uns die Schuldgefühle und bot uns eine Schutzmacht gegen die bedrohlich wirkende Außenwelt Jedoch waren Autoritätshörigkeit und Liebesentzug der Preis unseres Gefühls von Geborgenheit. All unsere unerfüllten Erwartungen an einen Vater, der nie für uns da war, haben wir unbewusst auf einen allzeit gegenwärtigen Gott übertragen, um jederzeit ein elternähnliches Gegenüber zu haben. Die Ängste, die wir als Kinder vor der elterlichen Ferne ausgestanden haben, sind für uns heute Hölle und Teufel. Diese Angst blockiert nicht nur das Denken, sie verbietet es geradezu. Deshalb schriebst Du auch einmal: „Wir nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam des Christus“.

Gerade die Psalmen sprechen wunde und verletzte Stellen in unserer Seele an, deshalb finden wir sie letztlich als ansprechend und glaubhaft. Jesus sagte einmal: „Wenn jemand Seinen (Gottes) Willen tun will, so wird er von meiner Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich von mir selbst rede“. Diese Feststellung wird von den meisten Brüdern dahingehend ausgelegt, dass gesagt wird: Wer aufrichtig ist, müsste eigentlich die rechte Lehre erkennen. Aber wenn wir mal genau auf die Aussage achten, dann geht es hier eben gerade nicht um Aufrichtigkeit (d. h. neutrale objektive Meinungsbildung), sondern um eine unterwürfige, blinde Voreingenommenheit gegenüber einem suggerierten „Willen Gottes“: Wer schon von vornherein gewillt ist, sich einem „göttlichen Willen“ bedingungslos zu unterwerfen, der ist gar nicht mehr in der Lage, an den als „Worte Jesu“ ausgegebenen Worten Zweifel zu hegen. Jesus hätte ja auch sagen können: „Wenn jemand ganz nüchtern und unvoreingenommen meine Lehre prüft, ob sie in sich schlüssig ist und im Einklang ist mit allen Erkenntnissen der Weisen von jeher, der wird zu dem Schluss kommen, dass ich die Wahrheit rede.“ Diese Bescheidenheit finden wir jedoch nicht bei Jesus, statt dessen aber immer wieder die Berufung auf seine göttliche Sendung. Viele Menschen trauen ihrem eigenen Urteils- und Unterscheidungsvermögen nicht und wählen daher lieber den bequemeren Weg eines vorgefertigten Weltbildes, das sie dann vorbehaltlos übernehmen. Hinzu kommt noch die die Eitelkeit ansprechende Verheißung, zu den Auserwählten zu gehören.

Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass der Glaube an das Evangelium im Grunde eine Verdrängung der eintönigen Realität des Alltags ist und die Flucht in eine suggerierte Märchenwelt. Es ist der Traum, von einer verlorengegangenen Heimat aus alter Zeit, einer „goldenen Stadt“, die nur noch im Herzen existiert, das verlorene Paradies und die Hoffnung, dass dieses wieder neu erstehen wird, wenn man sich nur entsprechend bemüht. Dieser Traum hat schon von jeher die Menschenseelen erfüllt, gab ihnen Halt und Zuversicht, wenn sie sich von den erschreckenden Ungewissheiten des Lebens bedroht fühlten (siehe die symbolische Stillung des Sturms durch den Herrn). Das ist im Grunde der Ursprung aller Religionen und Ideologien: die Flucht aus der langweiligen und Sinn entleerten Gegenwart hinein in die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Frage nach dem Woher und Wohin steht nicht mehr wie eine erdrückende Ungewissheit im Raum, mit ihr wurden auf einen Schlag auch gleich so viel andere Fragen beantwortet. Mit einem Schlag tritt der einzelne aus seiner Bedeutungslosigkeit heraus und gewinnt an unverhofftem Gewicht: er erfährt, dass sein Dasein schon vor Beginn der Zeit geplant war, dass es mit einem Mal nicht mehr belanglos ist, was er tagtäglich tut, da er jede Minute beobachtet wird und sein Verhalten einmal von höchster Stelle beurteilt wird. Da soll es einen Gott geben, der einmal von jedem einzelnen Menschen Rechenschaft fordert über jedes unnütze Wort, das er während seines Lebens einmal gesprochen hat! Welch ein unglaubliches Interesse! Ein Interesse an Milliarden von Worten, gesprochen von all den Milliarden Menschen, die während Tausender von Jahren einmal gelebt haben! Wie lange mag solch ein Gericht wohl andauern? (Und welch einen Sinn soll es haben?)

 

Der Teufel

Der Teufel ist die urkindliche Angst des Menschen vorm „Schwarzen Mann“. Früher diente er den Menschen als Denkmodell, um die Grausamkeit und die Unberechenbarkeit der menschlichen Geschicke zu erklären. Gott konnte es ja nicht sein, weil Gott gut sein muss, also musste es ein Widersacher sein, ein von Gott abgefallener Engel - das passt gut, denn dadurch trifft Gott keine Schuld. Bis heute hat sich der Glaube an den Teufel bewährt als Fehlerkonto der göttlichen Geschicke. Besonders nützlich erweist sich der Teufel, wenn es darum geht, die ketzerischen Gedanken eines Andersdenkenden zu erklären: Der Teufel hat ihn eben verblendet, er hat sich vom Teufel betrügen lassen oder hat sich gar schon zum Werkzeug des Teufels machen lassen. Das passt immer wieder ins eigene Konzept, denn dadurch bleibt einem die eigene Welt in harmonischer Ordnung. So wie Gott muss deshalb auch der Teufel als gefügiges Erklärungsmodell herhalten überall auf der Welt zur gleichen Zeit bei allen menschlichen Parteiungen. Je mehr man ihn braucht, desto mehr existiert er. Je mehr man von ihm redet, desto realer wird er.

 

Und was ist mit Jesus?

Nachdem sich das Volk Israel ein Gesetz erarbeitet hat, hatte es erst mal für einige hundert Jahre Ruhe, denn der Zusammenhalt des Volkes war gesichert, das änderte sich jedoch, als das Volk später durch die Assyrer und Chaldäer in Gefangenschaft geriet, für die sich glücklicherweise eine plausible Erklärung fand. Nach der Gefangenschaft fing das Volk an, langsam auseinanderzufallen: Die meisten Israeliten kehrten nicht in ihr Land zurück, sondern vermischten sich mit den anderen Völkern, und auch der Überrest wurde durch viele Belagerungen der feindlichen Völker immer schwächer. Als Israel am Ende auch noch von den Römern besetzt wurde, da musste einfach etwas geschehen, damit die Geschichte fortgeschrieben worden konnte. Die Zeit war reif für einen „Retter“! Nach und nach wurde Jesus von Nazareth dann von seinen Anhängern zu dem aufgebaut, was er heute für sie ist. Auf ihn wurden die Hoffnungen und Sehnsüchte von so vielen Menschen projiziert - hätte es ihn nicht gegeben, hätte man irgend einen anderen gefunden, der seine Stelle einnehmen sollte.

Jesus strahlt eine unvergleichbare Schönheit aus für die Seele, man denke nur an das stumme, gedemütigte und von allen verlassene Gotteslamm am Kreuz! Wie konnte ich mich schon mit diesem Jesus-Bild identifizieren. Aber wie passen dazu seine Gerichtsandrohungen und seine für Menschen praktisch unerfüllbaren Forderungen nach Vollkommenheit? ,,Jene, meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erschlaget sie vor mir“. Immer wieder finden wir bei ihm eine rachsüchtige Wut auf jene Menschen, die auf seine Predigten nicht hören wollten - eine bei Predigern nicht ungewöhnliche Haltung, die aber die höchste Vortrefflichkeit etwas in Frage stellt. Sokrates z. B. ist den Menschen gegenüber, die nicht auf ihn hören wollten, höflich geblieben, und meiner Meinung nach ist diese Haltung eines Weisen viel würdiger als die der Entrüstung. Zu den Leuten, die mit seiner Lehre nicht einverstanden waren, sagte Jesus einmal: „Schlangen! Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?“ Kann ich mit solch einer Ausdrucksweise noch Menschen überzeugen, die mich vielleicht nur missverstanden haben? Gerade fromme Menschen reagieren äußerst sensibel, wenn man ihnen mit der Hölle droht. Einmal sagte er sogar: „Wer wider den Heiligen Geist reden wird, dem wird nicht vergeben werden, weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen“. Diese Stelle hat in der Welt unaussprechliches Elend verursacht. Denn alle möglichen Leute haben geglaubt, dass sie gegen den Heiligen Geist geredet hätten und deshalb in Ewigkeit keine Vergebung erlangen würden. Aus Verzweiflung haben sich dann auch viele in den Tod gestürzt. Ich finde wahrhaftig nicht, dass ein Mensch, dessen Natur ein rechtes Maß an Güte enthält, soviel Angst und Schrecken in die Welt gesetzt hätte.

Dann sagt Jesus immer wieder, dass am Ende die Übeltäter hinausgeworfen werden „in die äußerste Finsternis; da wird sein das Weinen und das Zähneknirschen“. Man hat den Eindruck, dass Jesus die Vorstellung des Heulens und Zähneknirschens ein gewisses Vergnügen bereitete, wenn man bedenkt, wie häufig er davon spricht. Und dann auch immer wieder: „Weicht von mir, ihr Übeltäter, in das ewige Feuer“... „ Und sie werden in das ewige Feuer gehen.“ Solche Drohungen kommen in einem Vers nach dem anderen vor. Diese Lehre vom Höllenfeuer als Strafe für die Sünde hat Grausamkeit in die Welt gebracht und unbarmherzige Foltern. Und könnte man annehmen, dass Jesus dies alles wirklich gesagt haben soll, so müsste man ihn zum Teil dafür verantwortlich machen.

Jesus kam und nötigte arbeitende Familienväter mit ihm durch die Lande zu wandern. Dabei ließ er ihnen nicht einmal die Zeit, ihre Verwandten zu begraben. Objektiv gesehen brachte Jesus den Menschen keine „frohe Botschaft“, sondern verbreitete Angst und Schrecken. Seine Worte waren durchaus nicht voller Gnade, sondern häufig von einer ungewöhnlichen Gereiztheit und Aggressivität. So verflucht er Chorazin und Kapernaum, weil sie nicht an ihn glauben konnten, er verflucht die Pharisäer und Schriftgelehrten, weil sie ihn ablehnten und verflucht sogar einen Feigenbaum, nur weil er ihm zur Frühlingszeit keine Frucht bieten konnte. Ebenso wurden auch harmlose Schweine, die Haustiere der Gadarener, auf Jesu Geheiß in den Abgrund getrieben. Die Wechsler und Taubenverkäufer wurden von Jesus aus dem Tempel vertrieben, obwohl diese im Gegensatz zu ihm wenigstens bemüht waren, selber ihren Lebensunterhalt zu verdienen und nicht auf Kosten anderer zu leben. Ist es bei allem ein Wunder, wenn die Menschen damals sagten: Wir wollen nicht so einen verbiesterten und größenwahnsinnigen Störenfried!

Natürlich war es nicht recht, ihn deshalb zu töten, aber zumindest wird für mich heute begreiflicher, warum die Juden in seine Hinrichtung einwilligten. Kaiphas stellte zu Recht fest, dass um der Unruhe, die um Jesu willen entstanden war, es nötig war, den Römern einen Schuldigen zu präsentieren, damit die Römer nicht das ganze Volk töten mögen. Doch nicht nur das: Er hatte sich durch seine provozierenden Lehren von Reinheit und Gerechtigkeit in Zugzwang gebracht. Das Volk erwartete einen Befreier vom Joch der Römer, den Messias. Jesus wäre nur einer von vielen anderen Bußpredigern und Wunderheilem seiner Zeit geblieben, der vergessen im Dunkel der Geschichte versunken wäre, wenn er sich nicht für den Märtyrertod entschieden hätte. Man sieht nur die im Lichte stehen, die durch einen tragischen Tod unvergesslich wurden. Nach seinem Tod wollten sich die Jünger nicht einfach damit abfinden, dass all ihre Hoffnung vergeblich war. Und so entstand das Gerücht, dass er wieder auferstanden sei, aber merkwürdigerweise nur seinen Jüngern erschienen ist. Den anderen Menschen war es lediglich vergönnt, ihn wie in einem Versteckspiel zu suchen, damit sie dafür eine Belohnung bekommen. Die Angst, dass an dem Gerücht von seiner Auferstehung vielleicht doch etwas dran sei und man sich für ewig die Möglichkeit verspielen würde, einmal dabei zu sein im Neuen Jerusalem, war für viele Menschen schon genug Grund, auf Nummer sicher zu gehen und sich vorsichtshalber lieber für den Glauben zu entscheiden.

 

Der biblische Gott - ein Schreckgespenst in meinem Gewissen

Du hast in Deinen Briefen und Predigten immer wieder von der Neuen Schöpfung gesprochen, die durch das Wirken des Heiligen Geistes ermöglicht wird. Im Anfang meines Glaubenslebens habe ich die gewaltigen Veränderungen in meinem Leben, die durch die Freude und Begeisterung über meine neue Sichtweise zustande kam, als diese Neue Schöpfung interpretiert und mich darüber gefreut, dass meine Bekehrung auf jeden Fall „echt“ war. Doch schon bald kamen die Versuchungen, und je mehr ich auch versuchte, über Wochen und Monate meine als Sünde verurteilte Fleischeslust zu unterdrücken, kam sie doch immer wieder zum Vorschein. Die Verheißung von einer endgültigen Befreiung von der Macht der Sünde klang eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Dennoch hatte ich - wie für viele andere - auch für diese Schwierigkeit eine Erklärung: Es konnte natürlich nicht an der Schrift liegen, sondern nur an mir selbst: Ich müsse halt noch häufiger beten, noch mehr die Schriften erforschen und viel beständiger in der Verbindung mit Gott leben. Damit war das Thema immer wieder schnell erledigt und der Fall abgeschlossen, denn der Schuldige war gefunden. Mein Denken durfte nie den biblischen Rahmen verlassen, weil dies Frevel wäre. Dadurch diente ich im Grunde genommen nicht Gott, sondern einem toten Buch, das mir nur dadurch lebendig erschien, weil ich ihm selbst Leben gab. So tot wie die Bibel war auch mein Gottesbild. Und ich war nichts anderes als ein Leichenkosmetiker: ich machte mir selbst und anderen stets vor, als würde ich einem lebendigen Gott dienen. Um meine kindliche Angst und meine Schuldgefühle zu verbergen, ließ ich mir einen langen Bart wachsen, der mein wahres Gesicht verbergen und mir den Anschein von patriarchalischer Würde und Frömmigkeit verleihen sollte.

Es blieb jedoch stets diese fundamentale Unsicherheit in mir, ob ich nicht etwa schon wieder irgend eine göttliche Norm verletzt und dadurch den Herrn mal wieder enttäuscht hätte, und ob nicht innerhalb kurzer Zeit eine nicht berechenbare Strafe erfolgen würde, ob ich nicht seine Gunst verloren oder mir beim Herrn gar starken Zorn auf mich geladen hätte. Gott raubte mir so gründlich die Gewissheit, mich jemals in Ordnung fühlen zu dürfen, mich mit mir aussöhnen, mich o. k. finden zu können. Mir graut es, wenn ich an die unzähligen Stunden im „Morgen-Grauen“ denke, als ich nur noch flehen konnte: „Herr, verwirf mich nicht von deinem Angesicht“. Das Morgengrauen ist die Zeit der Hinrichtungen, des Selbsthasses und der Gottesheimsuchung. Es ist, als ob die Zuversicht, in Ordnung zu sein, über die ganze Nacht hin nicht ausreicht; plötzlich wird der Körper unruhig, und die Zuversicht macht sich als Verdammnis breit. „Herr, warum verbirgst du dein Angesicht vor mir?“, lautete die angstvolle Frage, und ich klammerte mich hier und dort an tröstende Bibelverse, dass die Suche nach Gott ein Teil des Gottesdienstes sei, dass es um des Glaubens willen auch viele Prüfungen zu durchleiden gebe. Gott ist durch diese inneren Opfer immer kostbarer geworden in mir. Ich saß wie in einer Falle: alle mir wichtigen Menschen zeigten keinerlei Zweifel, dass es Gott gebe und er ansprechbar, verständnisvoll, gütig, gerecht, ja sogar „lieb“ und „barmherzig“ sei, wenn auch mit dem Hintergrund düsterer Strafen, deren schlimmste natürlich der Liebesentzug sei, und es galt gleichzeitig als ausgemacht, dass bei dem, der Gott nicht erreichte, etwas Schlimmes vorliegen müsse. Das brachte mich in die Lage einer keuchenden und angstgejagten Ratte, die ihre Tretmühle in wachsender Panik immer schneller tritt. Ich wäre dem Labyrinth schneller entkommen, wenn es Gläubige gegeben hätte, die ehrlich genug gewesen wären, meine Fragen und Zweifel verständnisvoll zu erwidern. Statt dessen war ich nur von Brüdern umgeben, denen der Glaube selbst notwendiges Balsam oder Opium war, und die den Gedanken nicht ertragen hätten, dass ihr Glaube vielleicht nur eine verträumte Illusion sei. Sie haben mich alle immer wieder an den autoritären und lobbegierigen Gott der Bibel verwiesen und verraten. Keiner war auch nur annähernd stark und mutig genug, ein Leben ohne Glauben für möglich zu halten.

Dadurch dass ich Gott nie in die Augen sehen konnte, habe ich nicht gemerkt, dass er tot ist. Ich habe einen Toten verehrt, der immer mächtiger wurde in mir. Um so größer überkam mir die Beschämung, als ich endlich widerwillig merkte, dass Gott seit langem kein Lebenszeichen mehr von sich gab. Zwölf Jahre lang habe ich gelebt mit einem riesigen Toten in meiner inneren Wohnung, neben dessen Bild ich die Menschen als schäbige Zwerge ansah, die mir nicht helfen konnten. Ja, noch schlimmer: sie erschienen mir zuweilen wie Boten des Teufels, durch die Gott meine Treue zu ihm auf die Probe stellen wollte. Ich erinnere mich, wie ich 17 Jahre alt war als junger Christ und sich in der Schule zwei Mädchen zu mir setzten, die mich kennenlernen wollten. Während sie noch untereinander kicherten, überlegte ich mir, wie ich ihnen klarmachen konnte, dass ich gerade im Begriff war, in der Bibel zu lesen. Ich schaute in ihre leuchtenden Augen und musste sofort wegsehen, um nicht in Verlegenheit zu geraten. In diesem Moment überkam mich der Schrecken Gottes und ich erklärte den Mädchen kurz und abrupt, dass ich mich nicht mit ihnen unterhalten, sondern lieber in der Bibel lesen wolle. Daraufhin holte ich sie hervor, schlug sie auf und vertiefte mich in den Text, ohne sie ferner zu beachten. Die Macht Gottes ließ kein noch so freundliches Lachen eines Menschen an mich herankommen. Solch ein Lachen war unbedeutend und fast schon leichtfertig angesichts Seiner unerschütterlich stummen Verbote in mir. Ich habe das Leuchten in ihren Augen zum Erlöschen gebracht, weil es nicht aus Gottes Augen leuchtete. Ich hielt die ehrliche Zuneigung von Menschen für Blendwerk, weil ich Gottes Zustimmung nicht finden konnte. Die Menschen um mich herum waren von vornherein entwertet angesichts seiner abenteuerlich aufgeblähten Gestalt in mir. Und weil Gott ein ewiger Nörgler an mir war, wurde ich zum Nörgler an anderen.

Gottes Angebot ist ausgerichtet auf die tiefsten, im Leben unerfüllt gebliebenen Sehnsüchte der Menschen. „Herr! Du hast mich erforscht und erkannt. Du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, du erkennst meine Gedanken von ferne. Du sichtest mein Wandeln und mein Liegen und bist vertraut mit allen meinen Wegen. Denn das Wort ist noch nicht auf meiner Zunge , siehe, Herr, du weißt es ganz ...Wohin sollte ich gehen vor deinem Geiste, und wohin fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich auf zum Himmel, du bist da; und bettete ich mir in dem Scheol, siehe, du bist da.“ (Ps. 139, 1-8). Sind Menschen je warmherziger zur Selbstaufgabe ermuntert worden, sind kindliche Geborgenheitsbedürfnisse, Liebes und Orientierungssehnsucht je inniger formuliert worden, um sie auf einen riesigen Toten zu lenken. Aber wie viel Drohung und Unentrinnbarkeit liegen zugleich unter der Oberfläche dieser Lobpreisung? Und wie wirken solche Verse auf eine verwirrte und verzweifelte Seele, die vorübergehend die Orientierung verloren hat und eigentlich Menschen suchen müsste, die ihr weiterhelfen könnten? Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins an einen allgegenwärtigen Gott bewirkte eine lähmende Einschüchterung und Ohnmacht in mir und machte mich zu einem korrupten Schmeichler, der sich Gott immer wieder durch Lob und Dank anzubiedern suchte, um seine Gunst zu erlangen. Dieses permanente, übertriebene Danken führte mich in eine geradezu ekstatische Sucht, in ein gedankenloses Herunterplappern von frommen Worthülsen. Die kindliche Urangst vor einer unberechenbaren Willkür des Schicksals wurde schon früh in meiner Kindheit überspielt von der fiktiven Geborgenheit dieses allmächtigen Übervaters. Das beruhigende Gesicht meiner Mutter wenn sie früher vor dem Einschlafen mit uns betete, wurde ersetzt durch die Fratze eines unerbittlichen Schuldeneintreibers, der mich mit meiner Angst vor der Verlorenheit immer wieder neu erpresste zur Annahme einer sklavischen Angewiesenheit auf seine Gnade, die von ihm immer wieder neu erbettelt werden muss und die er wie ein Wucherer nur provisorisch vergibt, mit dauerndem Widerrufsrecht.

Der Humus, auf dem solch ein Gott in einem Menschen wachsen kann, ist kindliches Unglück. Er ist der Konkursverwalter der Liebe, des Unglücks und der misslingenden Menschlichkeit. Dabei ist dieser Gott ein durchaus notwendiger Lückenbüßer: Er gedeiht in den Hohlräumen menschlicher Ohnmacht und Unwissenheit. Er blüht aus der Lebensangst meiner Vorfahren, aus allem Unverstandenen, das sie erlebten; vor allem aber: aus ihrer Ungeborgenheit und ihren seelischen Entbehrungen. Gott war für viele meiner Glaubensgeschwister für ganze Bereiche ihres seelischen Lebens der einzige Gesprächspartner. Seine erdrückende Wirklichkeit entstammt ihrer Isolierung, ihren Kontaktstörungen, ihrer Sprachlosigkeit anderen Menschen gegenüber. Sie beteten zu ihm und erzählten ihm abends ihren Tag, weil ihnen sonst niemand zugehört hätte. In ihrer Verzweiflung haben sie Gottes Antwortlosigkeit als unendliche Geduld und Wohlwollen gedeutet Sie hätten ihr Elend auch ihrem Wellensittich zuflüstern können.

Lieber Paulus, es mag für Dich bitter sein, dass ich Deinen Weg nicht mehr mitgehen kann aus den vorgenannten Gründen. Ihr Christen seid für mich heute die „Elendsten von allen Menschen“, wie Du es selber einmal genannt hast. Ich habe ein tiefes Mitleid mit Euch und wünsche Euch von ganzem Herzen, dass Ihr erkennen möget, dass das Evangelium ein ganz großer Betrug ist, der Euren Verstand verblendet hat in einer Märchenwelt von wahnhaften Illusionen und kindlichen Wunschgebilden. Werde doch endlich nüchtern und durchschaue diesen abergläubischen Zirkus, dann werde ich Dich wieder voll Freude in meine Arme nehmen können. Der wahre Feind Gottes und der Menschen, die Wurzel alles Bösen, ist die Dummheit (d. h. Unwissenheit, Ignoranz, Intoleranz). Bedauerlicherweise hast Du ausgerechnet die Einfalt und Dummheit zur Tugend erklärt und dadurch bewirkt, dass viele Deiner Zuhörer auch noch Stolz darauf sind, dass sie zu den Dummen zählen, um dadurch von Gott bevorzugt zu sein. Meine Hoffnung ist jedoch, dass Gott den verdunkelnden Schleier hinwegnehmen wird, der sich auf Deine Anhänger gelegt hat und noch viele wieder das Licht der Wirklichkeit erblicken werden.

Bis dahin, Dein Freund
Demas

 © aus Bibelwelt.de

12.1.08 19:25

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